Viele Bäume in den Städten leiden unter Stress und werden immer verletzlicher. Die Gründe sind vielfältig. Die Stadt ist kein einfacher Standort. Baumscheiben sind zu klein, die Wurzeln werden in ihrem Wachstum gehemmt, es ist zu trocken, die Schadstoffemissionen sind hoch usw… Hinzu kommen die Folgen der Klimaveränderung mit steigenden Temperaturen, die in der Stadt deutlich höher sein können als im Umland. Es werden Bäume gebraucht, die mit den erschwerten Lebensbedingungen zurechtkommen – „Klimabäume“. Wir haben mit dem Bonner Garten- und Landschaftsbauer Markus Lentzen über den Wandel in der Baumartenwahl gesprochen.

Warum ist die Begrünung der Städte so wichtig?
Bäume, Sträucher, Hecken und Wiesen machen Städte grundsätzlich attraktiver. Stadtgrün reguliert die Temperatur, reinigt die Luft und wirkt sich positiv auf das Stadtklima und damit auf die Gesundheit aus. Städtisches Grün steigert die Wohnqualität, fördert Freizeit und Sport. Mit ihm können die negativen Begleiterscheinungen unserer nahezu zubetonierten Städte begrenzt werden. Das klimaschädliche Treibhausgas Kohlendioxid wird gebunden, was zur Senkung der Kohlendioxid-Emissionen beiträgt. Eine besondere Rolle spielen dabei die Bäume, die von den Kommunen wie Bonn gezielt entlang der Straßen gepflanzt werden. Bäume – sowie Sträucher und Hecken – filtern die Luft, indem Staubpartikel an den Blättern haften bleiben und später durch Regen abgewaschen werden.

In den meisten deutschen Großstädten dominieren bislang Kastanie, Linde und Ahorn als Stadtbäume. Sie haben aber zunehmend Probleme.
Ja, ihre Verwendbarkeit ist für die Zukunft eingeschränkt. Sie bekommen in der Tat zunehmend Probleme, das zeigt sich durch frühzeitige Entlaubung sowie durch den Befall mit Schädlingen und Krankheiten. Schadstoff e in der Luft, versiegelte Böden, fehlende Nährstoff e und auch Streusalz gefährden sie darüber hinaus. Besonders empfindlich reagieren sie auf Wassermangel, der zum einen durch versiegelte Böden hervorgerufen wird, zum anderen fällt in den Sommermonaten zu wenig Niederschlag. Hinzu kommt, dass die Temperaturen kontinuierlich ansteigen.

Sorbus thuringiaca Fastigiata, Säulen-Eberesche
Sorbus thuringiaca Fastigiata, Säulen-Eberesche
Fraxinus pennsylvania „Summit“, Rot-Esche
Fraxinus pennsylvania „Summit“, Rot-Esche

Werden die bisher in den Städten gepflanzten Arten und Sorten überflüssig?
Nein, aber ihre Verwendung wird möglicherweise in Zukunft auf Standorte beschränkt werden, die sie nicht überfordern und an denen ihre Standortansprüche erfüllt werden.

Welche wichtigen Eigenschaften müssen „Klimabäume“ haben?
Toleranz gegenüber Hitze sowie Luft- und Bodentrockenheit. Sie müssen ebenso über eine ausreichende Winterhärte verfügen. Es werden schon seit einigen Jahren in verschiedenen Forschungsinstitutionen und Verbänden Versuchspflanzungen durchgeführt, um herauszufinden, welche Baumarten sich eignen. Dazu gehört unter anderem das Projekt „Stadtgrün 2021“ des Instituts für Stadtgrün und Landschaftsbau der LWG Veitshöchheim (2009-2021) mit 30 Baumarten an drei bayerischen Standorten.

Kann man das denn auf alle Städte übertragen?
Nein, das kann man nicht, denn nicht überall in Deutschland sind die Auswirkungen des Klimawandels so deutlich zu spüren wie in Unterfranken. Es gibt daher Städte, die eigene, regionale Baumlisten zusammengestellt haben. Das hat zur Folge, dass manche Liste nur wenige Arten vorsieht. Hinzu kommt, dass in diesen Baumlisten neben den Standortansprüchen noch weitere Kriterien genannt sind. Das kann zum Beispiel die Wuchshöhe sein, die für Straßenbäume ja nicht unerheblich ist, aber auch, Kronenform und Belaubung spielen eine Rolle. Das schränkt die Auswahl weiter ein. Je größer das zur Verfügung stehende Sortiment ist, desto genauer kann die Artenauswahl für einen bestimmten Standort erfolgen. Je kleiner, desto schwieriger.

Quercus frainetto, Ungarische Eiche
Quercus frainetto, Ungarische Eiche

Welche Baumarten kommen als „Klimabäume“ grundsätzlich infrage?
Es gibt eine Liste mit 61 Klimabaumarten. Dazu gehören unter anderem die anspruchslose Hopfenbuche, die robuste ungarische Eiche, die Rot-Esche, die fast jeden Standort toleriert, sowie die gegenüber Autoabgasen unempfindliche Säulen-Eberesche.

Wer entscheidet schließlich, welche Baumart wann und wo gepflanzt wird?
Das entscheiden die Fachleute der Stadt. Sie führen auch ein Baumkataster, aus dem genau hervorgeht, wo welcher Baum gepflanzt wurde.

Markus Lentzen, Geschäftsführer von Lentzen Garten- und Landschaftsbau GmbH

Brauchen diese Bäume eine spezielle Pflege?
Zunächst einmal müssen ihre Rahmenbedingungen stimmen. Möglichkeiten, diese zu verbessern, gibt es einige. Zum Beispiel indem man den Wurzelraum vergrößert und ihn dauerhaft mit Bodenbedeckern bepflanzt, die vor Verdunstung schützen. Hilfreich wäre es, Wege und Plätze zur besseren Wasserspeicherung
zu entsiegeln.

Wie sieht es mit Schädlingen und Krankheiten aus? Sind die „neuen“ Bäume immun dagegen?
Unsere Erfahrung zeigt, dass auch eine bislang als zuverlässig geltende Baumart plötzlich Probleme bekommen kann. Daher ist es wichtig, die Baumartenvielfalt in den Städten zu erhöhen, um das Risiko zu verringern, dass weitere neue Schädlinge und Krankheiten die uns zur Verfügung stehenden Arten und Sorten schädigen und schließlich absterben lassen.

Welche Rolle spielen die Baumschulen?
Sie sind stark involviert, da die notwendigen Bäume kultiviert werden müssen, ehe sie gepflanzt werden können. Wenn man bedenkt, dass es 10 bis 15 Jahre dauert, bis ein Hochstamm mit einem Stammumfang von 20 bis 25 Zentimetern herangewachsen  ist, kann man sich vorstellen, dass möglichst schnell gehandelt werden muss. Außerdem müssen die Baumschulen vor dem Hintergrund, dass eine Baumart plötzlich Schwierigkeiten bekommen könnte, ein größeres Sortiment als früher „bevorraten“. Sie benötigen also einen gewissen Vorlauf zur Umstellung der Sortimente. Es ist nicht einfach, ein Produkt zu produzieren, dass erst in etwa 10 bis 15 Jahren verkauft werden kann.

Woher bekommen Sie die Bäume?
Aus heimischen, rheinischen Baumschulen.

Haben Sie gezählt, wie viele Bäume Sie schon in Bonn gepflanzt haben?
Nein, ich schätze aber, dass es rund 2.000 Bäume sind. Wir pflanzen sie allerdings nicht nur, sondern wir übernehmen danach auch für einige Jahre die Pflege.

Artikel aus RHEINexklusiv Ausgabe Sommer 2021

Fotos ©: P. M. J. Rothe (5)